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„Ist das Kunst?“ von Ivo Schneider

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„Auflösung # 2“ von Marianne Greber

Meine fünfjährige Tochter bringt oft Bilder nach Hause, die sie im Kindergarten gemalt hat. Bin ich an der Reihe, ihren kleinen Rucksack auszuräumen, werfe ich die Bilder weg. Findet meine Frau Bilder in dem Rucksack, werden sie aufgehängt. Elf Werke meiner Tochter hängen im Vorraum unserer Wohnung und manchmal habe ich Angst, diese Arbeiten könnten sich auf den Rest der Wohnung ausbreiten.

Die Kindergartenbilder meines dreizehnjährigen Sohnes habe ich eines Tages alle weggeworfen. Und was ist passiert: Just als ich mich darüber freue, endlich etwas Platz geschaffen zu haben, wird eine seiner Arbeiten aus dem Zeichenunterricht des Gymnasiums vom Belvedere aus tausenden Einsendungen für einen Kunstwettbewerb ausgewählt. Ich zucke innerlich zusammen. Habe ich die Kinderbilder eines bald bedeutenden Künstlers vernichtet? Sind da unvorstellbare Summen im Abfall gelandet? Habe ich gerade meine einzige Chance zunichte gemacht, zu einer angemessenen Pension zu kommen? Gott sei Dank gewinnt das Bild meines Sohnes nicht den Wettbewerb und er will weiterhin Pyrotechniker werden.

Vor vielen Jahren, als ich noch Fotos mit meiner Spiegelreflexkamera machte, hätte ich ein Bild, wie das von Marianne Greber, noch an der Kassa vom DM oder BIPA weggeworfen. Heute gefällt mir dieses Bild gerade weil es so flüchtig scheint, wie etwas, von dem man meint, man hätte es jetzt ein für alle mal am Schopf gepackt, kurz bevor es entschwindet. Ich sehe das Bild an und sofort rumort es in mir. Dieses Bild der Auflösung sagt für mich persönlich mehr über den Schwebezustand Gegenwart, die Flüchtigkeit der Existenz als all die schönen Bilder, die ich nicht weggeworfen habe. Ist dieses Bild vielleicht die beste Antwort auf meine Frage, was nun Kunst ist?

Soll ich mir die Bilder meiner Tochter doch genauer ansehen, bevor sie im Altpapier landen?