Foundation
< Erzielte Foundationgelder (inkl. Matinee): 63.226 Euro! >

„Preis der Vollkommenheit“ von Ivo Schneider 

theodor bley_vollkommenheit

Meine fünfjährige Tochter kommt morgens ins Badezimmer, sieht mich nackt aus der Dusche steigen, zeigt mit ihrem kleinen Finger auf meine Leibesmitte und lacht. Ich sehe sie verständnislos an. Ohne falsche Bescheidenheit, aber da gibt es absolut nichts zu Lachen. Meine Frau, die kurz darauf auch im Badezimmer steht, meint nur, dass Männer – unten herum – eben doch recht komisch aussehen. Aber die Frauen, die sehen ja ach so vollkommen aus, dass jeder Pinselschwinger ein Bild von ihnen machen muss.

„Weibliche Vollkommenheit“, nennt Theodor Bley sein Bild. Ohne zu glauben, dass mein Urteil irgendeine kunsthistorische Bedeutung hat, will ich nicht verhehlen, dass mir die Frau gefällt. Ihre große Nase, die geschlossen Augen und ihr Busen sind schön, aber „vollkommen“? Was ist das überhaupt „Vollkommenheit“? Rubens hätte diese magere Frau nicht einmal sein Atelier putzen lassen. Und Bleys „Vollkommenheit“ hat auch einen Preis: 3000 Euro pro Quadratmeter ist sie ihm wert. Bei 120 x 180 Zentimeter macht das 6480 Euro. Für diesen Betrag finde ich eine hübsche Frau, die sich nackt in mein Arbeitszimmer stellt. Vorrübergehend – wie alles im Leben – hätte ich dann quasi ein Original, während der Käufer des Bildes mit Bleys Vision von Vollkommenheit vorlieb nehmen müsste.

Nur, das mit der Nackten im Arbeitszimmer würde meine Frau nie erlauben. Schau ich eben sie an, abends wenn sie sich auszieht und meine Tochter, die kleine Kröte schon schläft. Und meine Frau ist auch viel schöner, vollkommen, wie ich finde. Und was ist mit mir? Liebe Künstler, wie viel würde ein Bild kosten, das mich in meiner nackten, männlichen Vollkommenheit zeigt? Und noch einmal: da gibt es absolut nichts zu Lachen.