Foundation
< Erzielte Foundationgelder (inkl. Matinee): 63.226 Euro! >

"Geister" von Ivo Schneider

geister

"Die Reise" von Sabina Smiljanic. Trubel, Aufregung. Die Fahrkarte in der einen Hand, den schweren Koffer in der anderen. Man sieht sich um, sucht den Zug auf der Anzeigetafel. Menschenmassen. Man schaut und sieht nichts, zwingt sich zu einer Art Tunnelblick, konzentriert sich auf den entscheidenden Moment.

Die Menschen ziehen wie Schleier, wie Geister vorbei. Man berührt sich nicht, baut eine imaginäre Wand um sich herum auf. Der Zug ist da. Die Hektik erreicht ihren Höhepunkt. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei.

Man sitzt sich gegenüber, die Mutter mit Kind, der Mönch, der Reserveoffizier, die Frau im mausgrauen Kostüm, der Student. Die Langeweile fördert die Gesprächsbereitschaft. Die Sympathien werden verteilt. Ohne Planung oder Wunsch kreuzen sich Lebensbahnen.

Die Nacht bricht herein. Leute steigen zu und wieder aus. Noch ein Halt. Nur die Frau im grauen Kostüm und der Student bleiben sitzen. Das Gespräch vertieft sich. Die Frau bekommt Farben mitten in der schwarzen Nacht. Keiner wagt es, das Licht einzuschalten. Müde? Die Sitze werden flach gezogen. Es entsteht eine Art Doppelbett. Zwei Menschen liegen nebeneinander, berühren sich nicht. Im Schutz der Nacht, der Anonymität sprechen sie über ihre Ängste, Freuden, den Tod. Aus den sich kreuzenden Lebensbahnen wird für kurze Zeit ein dicker Knoten. Alles, alles wird gesagt. Aus zwei aneinander vorbeiziehenden Schleiern ist eine Verknüpfung zweier Seelen geworden.

Der erste Sonnenstrahl. Der Zug hält. Die Frau streift ihren Rock glatt, verabschiedet sich, ohne ihren Namen zu nennen, steigt aus. Den Knoten dürfen wir behalten. Wie viele Knoten braucht man für ein Netz?