Foundation
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„Danke" von Ivo Schneider

ivi_isabella scherabon

"ivi"von Isabella Scherabon

Nur die Haare stimmen nicht. Cindy war blond. Ja, damals, zu der Zeit als die Bar Unitá in Triest noch mondänen Charme hatte und zwei Kellner mit berauschender Geschwindigkeit die Wünsche der Gäste befriedigten, war sie definitiv blond. Trotz ihrer leicht nordischen Erscheinung ließ schon die Art, wie sie an ihrer MS-Zigarette zog, keinen Zweifel an ihrem italienischen Ursprung zu. Hielt sie mit ihrer Vespa vor der Bar, drehten sich die Köpfe der Herren. Cindy schritt durch die Schar der verdrehten Männerköpfe wie eine Königin. Mein großer Bruder war mit ihr befreundet. Nicht so eng, wie er das gerne gehabt hätte, aber eng genug, um ihr seinen kleinen Bruder vorzustellen. Da stand ich vor ihr, der schönsten 29 -jährigen Dolmetscherin, die bei internationalen Kongressen in ganz Europa arbeitete, und hatte außer meinen 16 Jahren nicht viel zu bieten. Jung und dumm rechnete ich mir dennoch Chancen aus und schnorrte sie in gebrochenem Italienisch um eine Zigarette an. Außer der Zigarette bekam ich noch ein wunderbares Lächeln. Das war es vorerst für den Abend. Während Cindy in drei verschiedenen Sprachen mit diversen wohlsituierten, braungebrannten Traummännern sprach, stand ich bleich in der Ecke des Lokals und starrte sie mit einer Mischung aus Sehnsucht und Verzweiflung an. Ein Freund meines Bruders meinte, ich solle nicht traurig sein. An Cindy wären schon ganz andere Kaliber gescheitert. 

Irgendwer schlug einen Lokalwechsel vor. Ein Schwarm von Verehrern setzte sich in Bewegung, sprang in Sportwägen und auf große Motorräder. Für mich gab es keinen Platz in den diversen Transportmitteln und mein Bruder reichte mir den Schlüssel seiner in der Nähe liegenden Wohnung. Die einzige, die das zu stören schien, war sie. Die Königin des Abends lud mich ein, den Weg auf ihrer Vespa zurückzulegen. Verfolgt von irritierten Männeraugen schwang ich mich auf den Sitz, legte meine Arme um ihr Taille. Wir fuhren die Hafenpromenade entlang. Die untergehende Sommersonne färbte die Stadt dunkelrot. Es roch nach Meer, Kaffee und Cindys Haaren. Der Fahrtwind verbreitete die Illusion von Freiheit, und auf dem Rücksitz einer Vespa 125 saß ein glücklich, grinsender 16-Jähriger. Danke Cindy. 

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