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Zur Kunst in der Bildung

Ein Vortrag von Michael Wimmer (Geschäftsführer von EDUCULT) zu interkulturellem Austausch und Bildung im Rahmen der PAINT FOR LIFE Matinee am 9.5.2010

Michael Wimmer_Matinee_9.5.Matinee_BesucherInnenMatinee_Ausstellung

Erlauben Sie mir, mit einer persönlichen Erfahrung zu beginnen.

Zu Ostern bot sich mir die Gelegenheit, mit meiner Familie eine Woche im frühlingshaften Sizilien zu verbringen. Eine Kollegin schrieb mir in einem Email, wie sehr sie mich beneide. Immerhin gälte Sizilien als das Land mit der größten Kunstdichte. Und so war es dann auch, jedenfalls in Bezug auf kulturelles Erbe: griechisch, römisch, normannisch, und dann noch Barock und Barock und Barock, ja und dann noch etwas Jugendstil.

Ich besuchte u. a. Cefalù, eine kleine Stadt an der Nordküste. Wir schlenderten durch die engen Gassen, und plötzlich stand sie vor uns, die überdimensionale Kathedrale, die unweigerlich den Blick nach oben zwingt. Bei dieser Kirche, die bis heute die Stadt dominiert, handelt es sich um einen der normannischen Prunkbauten, die die Kreuzritter auf ihrem Weg ins heilige Land hinterließen. Getragen von der Absicht, das christliche Abendland zu begründen, ging es ihnen schon damals darum, Schluss mit allen Vorstellungen eines multikulturellen, multireligiösen Europa zu machen.

Für die Darstellung des Pantokrator, des All- und Weltenherrschers, der bis heute die Apsis der Kirche beherrscht, bediente sich der Eroberer aus dem Norden Roger II – offenbar in Ermangelung eines entsprechend ausgebildeten christlichen Personals - Handwerker aus Konstantinopel. Dazu kam ein Vielzahl von islamischen Symbolen der kosmischen Weisheit und Harmonie, die das riesige Mosaik bis heute umrahmen und von arabischen Arbeitskräften ausgeführt wurden.

Und da war er wieder, dieser in Stein gefasste Widerspruch zwischen politischen Ansprüchen und den harten Realitäten, zwischen Schein und Sein, der unser Leben bis heute so existentiell bestimmt.

In Sizilien gibt es naturgemäß viele Touristen. Viele von ihnen fahren in Autobussen, auf denen in großen Lettern der Spruch aus Wilhelm Meisters Wanderjahren prangt: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch beim Reisen". Naturgemäß können das nur die lesen, die von außen auf den Bus schauen.

Stichwort Von außen: Ich habe die Reise nach Sizilien von Norden aus angetreten. Es gibt aber auch noch einen anderen Weg, wesentlich aufwändiger und gefährlicher, einen, den der Journalist des Corriere della Sera, Fabricio Gatti versucht hat, vom Süden her die Insel zu erreichen. Er ist von Dakar im Senegal aus – zusammen mit vielen anderen Veränderungswilligen und Veränderungsbedürftigen - aufgebrochen und bis zur knapp neben Sizilien liegende Insel Lampedusa gekommen, wo es ihm gelungen ist, als einer aus einer mittlerweile unzählbar großen Gruppe von geschwächten, halb verhungerten, geschlagenen, bestohlenen desillusionierten und illegalen Flüchtlingen in eines der Anhaltelager zu gelangen.

Er wollte mit dieser Reise drauf kommen, wie es ist, wenn man versucht, die mehrere tausend Kilometer lange Strecke, die mitten durch die Sahara führt, zu überwinden, um als einer der illegalen Boat People nach Europa zu gelangen.

Die Lerneffekte waren beträchtlich. Er hat sie in einem Buch „Billal – Ein Illegaler auf dem Weg nach Europa" zusammengefasst. Ich möchte Sie hier mit den Einzelheiten verschonen, aber eines kann man schon sagen: Hier ist ein Prozess massenhafter Menschenentwürdigung im Gang, der – völlig abseits jeglichen massenmedialen Interesses – alle Vorstellungen übersteigt.

Das fast schon Unheimliche dabei:  Von all dem erfahren Sie als Bildungs- und Kulturreisender in Sizilien – nichts. Wir können weiterhin ungehindert dem Pantokrator als Erlöser des von ihm geschaffenen Menschen in die Augen schauen. Wie er seit Jahrhunderten über der andächtigen Gemeinde thront. Er wird nichts über das Unrecht von heute verraten. Und so kann die wirkliche Welt draußen bleiben. Die Heerscharen der Bildungsbeflissenen können sich wieder in den vollklimatisierten Bus setzen und unsere Bildungsreise fortsetzen.

Aber um was für eine Bildung handelt es sich da, die mit ihrer Bezugnahme auf Goethe die Reiseveranstalter versprechen, ein Begriff, den es ja außerhalb des deutschen Sprachraums so überhaupt nicht gibt.

Mit fällt dazu Wilhelm von Humboldt ein, der vor 200 Jahren von Bildung als einer "allgemeinen Menschenbildung als allseitige Entwicklung der menschlichen Kräfte" gesprochen hat. Aber was heißt das in Bezug auf die heutige Situation?

Hubert Markl, ehemalige Präsident des Max Planck Instituts hat versucht, diesen Anspruch in die Bedingungen moderner Gesellschaften zu übertragen und kommt zu zwei Bestimmungsstücken, die Bildung heute ausmachen würden: Lebenstüchtigkeit und Tugendhaftigkeit

Mit Lebenstüchtigkeit können wir etwas anfangen – ihr Nutzen reicht über Zurichtungsphantasien für einen Arbeitsmarkt, von dem keiner weiß, wie er in fünf Jahren ausschauen wird, hinaus. Es geht drum, das Leben zu meistern, ihm einen Sinn zu geben, vielleicht sogar zumindest in Momenten Glück zu erfahren. Da fällt es uns leicht, das den jungen Menschen in Sri Lanka oder in Südafrika zu wünschen und dafür Kunst zu kaufen.

Tugendhaftigkeit ist da schon von einem anderen Kaliber. Dieser Begriff ist erstens ziemlich aus der Mode gekommen und zweitens schwer zu exportieren. Bringen wir Tugendhaftigkeit nach Südafrika - das ist nicht wirklich ein zündender Charity-Slogan.

Und doch, es gibt zumindest eine Dimension von Tugendhaftigkeit, die im Rahmen des Projekts relevant sein könnte. Das hat etwas mit ernst nehmen, mit hinschauen, mit sich nicht für blöd verkaufen lassen und mit Verantwortung übernehmen wollen zu tun.

Diese Bildung ist aktiv, oft mit Mühe und Anstrengung verbunden. In meinem Fall war ich gezwungen, das christliche Heilsversprechen, das Wanderarbeiter des 12 – Jahrhunderts in den schönsten künstlerischen Farben in einen Sakralraum gebannt hatten und die Darstellung Gattis, die die ganze Verlogenheit und den Zynismus europäischer kultureller Universalitätsansprüche offenbart, zusammen zu denken – und auszuhalten und zu versuchen, Ihnen davon zu erzählen.

Kunst, davon bin ich überzeugt, kann im Zusammenhang mit einem solchen Bildungsverständnis eine Menge leisten. Sie kann sinnliche Erfahrungen ermöglichen, die mich dazu bringen kann/nicht muss, die Welt anders wahrzunehmen.

Das ist dann genau das, was mich an der Initiative Paint for Life anspricht; wenn Andreas Barth und sein Team versuchen, die wirkliche Welt in unsere Kunstwelt hereinzuholen, um mich von liebgewordenen Stereotypien zu befreien damit neue Handlungsoption zu eröffnen.

Dazu eine Option, die sich mir für unser heutiges Gespräch eröffnet. Sie läuft auf eine sinnvolle Arbeitsteilung hinaus. Meine Empfehlung lautet: Lebenstüchtigkeit für die Menschen in der Dritten Welt und Tugendhaftigkeit im Sinne von Aufklärung, um hinzuschauen und dam Geschauten standzuhalten was ist, für uns.

Als eine treibende Kraft dafür bietet sich die Kunst an. Immerhin haben KünstlerInnen und Unterprivilegierte in besonderer Weise den Wunsch nach Veränderung gemeinsam.

In diesem Sinn mein Wort zum Sonntag.

Ja, kaufen Sie Kunst, und unterstützen Sie die Bildungsprojekte von Paint for life, aber vergessen Sie nicht auf die eigene Bildung – Mein Rat: Lesen Sie Gattis Buch „Billal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa".

Ich brauch Ihnen dann nichts mehr über interkulturellen Austausch erzählen. Sie sind Teil davon.

Info:
Fabrizio Gatti: "Bilal - Als Illegaler auf dem Weg nach Europa" (Kunstmann: München 2010)
€ 24,90, 460 Seiten, www.kunstmann.de